Martina Stapf

Das Ornament fügt zusammen

Ornamente unterscheiden sich von Bildern im klassischen Sinne dadurch ab, dass ihre erzählerische, narrative Funktion å der schmückenden Funktion in den Hintergrund tritt. Sie bauen weder zeitlich noch in der räumlichen Tiefe eine Illusion auf. Sie erzählen beispielsweise keine kontinuierliche Handlung und sind auf die Fläche beschränkt. Trotzdem können Ornamente durchaus naturalistisch und plastisch ausgeprägt sein. Was jetzt fast als Definition und Gesetzmäßigkeit klingt, kann durch Kreativität und Kunst auch aufgehoben werden.

Die junge Fotografin Martina Stapf schafft es, mit ihren Bildern diese Regel zu durchbrechen. Sie bringt das Ornament zu einer Räumlichkeit und gleichzeitig generiert sie eine narrative Ebene. Eine Ebene, die zwar sehr mit einer persönlichen Sicht verknüpft ist, gleichzeitig aber doch auch im Betrachter Assoziationen und Imaginationen zu erwecken vermag.

 

architektur besuchte eine Ausstellung mit ihren Arbeiten und führte folgendes Gespräch mit der Künstlerin: 

 

Frau Stapf, wie sind sie zu dieser Verbindung von Ornament und Raum gekommen? 

Ich habe schon immer ein Faible für Muster und Ornamente gehabt, es zieht mich einfach an, wenn ich sie sehe. Auf der anderen Seite war ein Hautausschlag den ich einmal hatte, ein Anstoß mich mit dem Muster auf der Haut eines/meines Körpers zu beschäftigen. Ich wollte mit diesem Thema etwas machen, vielleicht als eine Art Selbsttherapie. Das hat mich auch dazu gebracht. Also auf der einen Seite die persönliche, emotionale Erfahrung und auf der anderen Seite die intellektuelle Beschäftigung damit. Die Arbeiten sind dann die logische Verbindung. 

 

Wie entstehen diese Bilder? Fotografieren Sie beide Themen und überlagern Sie sie im Computer? 

Nein, ich projiziere die Ornamente mit einem Beamer auf die Wand und positioniere mich im Raum dazwischen. Ich weiß zwar, dass die Muster eine Bedeutung, einen Kontext haben, aber das ist bei dem Vorgang unerheblich.

 

Wieso projizieren Sie diese Muster auf Körper und Flächen? 

Meine ganze Arbeit ist darauf aufgebaut. Es geht mir immer um den ‚empfindlichen‘ Körper, um den eigenen Körper, den weiblichen Körper. Und natürlich um den Raum. Der menschliche Körper stellt ja ein Volumen dar, das sich sozusagen in einem anderen Volumen befindet. Eines ist positiv, eines ist negativ. 

Es gibt nur den Raum, mich als Körper und dann die Projektion.

 

Diese Ornamente wirken ja fast wie eine Bekleidung, wie eine zweite Haut?

Ja, und diese Haut verbindet den positiven Körper mit dem negativen (leeren) Raum, das Ornament führt beide zusammen und schließt beide ein. Es wirkt oft wie ein Gitter, dass mich an die Wand drückt, einsperrt. Das verbinde ich auch mit dem Gefühl, des ‚im eigenen Körper eingeschlossen Seins‘.

Man sieht auch bei meinen Interieuraufnahmen - auch wenn nichts Menschliches dabei ist - dass der Raum belebt ist. Auch bei toter Materie wirkt das Ornament wie ein Kleid.

Es kommt noch ein zweiter Aspekt dazu: Die Verhüllung und gleichzeitig die Enthüllung, sie überlagern sich wie zwei Gegensätze, zwei Antipoden. Auch das immaterielle Ornament und der materielle Körper bilden zwei Antipoden.

 

Was bedeutet die Leere für Sie? 

Nach der Ornament Serie habe ich das Gefühl gehabt, dass alles bei meinen Arbeiten immer so ausgefüllt, so voll war. Dann habe ich den Bilderrahmen entdeckt, den leeren Bilderrahmen. Sozusagen als Gegenstück. Wieder gibt es einen Raum darin: den leeren Raum, die unendliche Tiefe (bis an die Wand). Ich habe mehrere leere Rahmen hintereinander drapiert und das fotografiert. Es bleibt nun dem Betrachter überlassen, seinen eigenen ‚tiefen‘ Raum darin zu entdecken und ihn möglicherweise mit seinen Wünschen zu füllen.

Leere kann mit Einsamkeit verbunden sein, oder ein ‚in sich gekehrt Sein‘ bedeuten. Es bedeutet auch viel Raum zum Denken und zum Arbeiten.

 

Welche Rolle spielt die Ästhetik bei Ihren Fotos? 

Farbästhetik spielt eine sehr große Rolle in meinen Arbeiten. Die Wirkkraft der Farben ist mir sehr wichtig. Das was zum Beispiel bei zwei nebeneinanderliegenden Farbflächen passiert. Welches Gefühl diese Farben dem Betrachter vermitteln können.

 

Martina Stapf ist 1990 in Eisenstadt geboren, nach dem Gymnasium (Matura mit Schwerpunkt Kunst) studierte Sie Kunstgeschichte und gleichzeitig auf der Photoschule Wien. 2010 - 2011 absolvierte sie die Schule Friedl Kubelka für künstlerische Fotografie. Im Herbst beginnt sie das Studium der ‚Performativen Kunst‘ an der Akademie der Bildenden Künste in Wien.

 

William Knaack